Amsterdam | Im Museum Willet-Holthuysen

Das Museum Willet-Holthuysen in Amsterdam zeigt in der volleingerichteten Stadtvilla das bürgerliche Leben im 19. Jahrhundert in der Metropole

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Amsterdam, Innenstadt. Hinter dem Namen Museum Willet-Holthuysen verbirgt sich eine sehenswerte Stadtvilla, die mit vollständig eingerichteten Räumenn das Leben in einer Stadtvilla im 19. Jahrhundert zeigen.

Ich stehe in der Herengracht im Herzen Amsterdams. Der schwarze Wagen mit den beiden prächtigen Pferden davor biegt izügig um die Ecke. Zwei Mägde, die vom Markt kommen, springen erschrocken zur Seite. Vor der Herengracht 605 stoppt die Kutsche auf dem holprigen Kopfsteinpflaster. Henry, der streng blickende Diener, ist die Treppenstufen vor dem monumentalen Eingangsportal des dreistöckigen Wohnhauses an der Gracht herabgestiegen und empfängt schweigend seinen Herren.

Eines der bezaubernden Museen von Amsterdam: ein vollständig eingerichtetes Wohnhaus

 

Abraham Willet verlässt beschwingt die Kutsche, läuft die Treppenstufen hinauf und verschwindet hinter der Doppelflügeltür im langen Flur des Hauses. Will er seiner Gattin Louisa Willet-Holthuysen die freudige Nachricht überbringen? Er nämlich hat gerade ein neues Gemälde erworben. Eines, dass in ihre umfangreiche Kunstsammlung im Haus passt. Ein Bild mit hübschen Hunden darauf. Louisa wird es bestimmt freuen. Denn sie liebt Hunde.

Im Museum Willet-Holthuysen in Amsterdam

Das Klingeln eines Fahrrades reißt mich aus meinem Tagtraum. Ich trete einen Schritt zurück und betrachte das hohe Doppel-Stadthaus an der Herengracht in der Innenstadt von Amsterdam von außen. Radfahrer und Touristengruppe ziehen vor mir vorbei. Hinter mir fahren Touristenboote bedächtig auf der Gracht.

Die Villa liegt an der Herengracht

Durch den Dienstboteneingang ins Haus

Abraham und Louisa Willet-Holthuysen, das reiche Ehepaar, das hier wohnte, lebt schon lange nicht mehr. Ihr Wohnhaus ist heute Museum. “Willet-Holthuysen-Museum” steht auf dem Schild an einer Tür. Sie befindet sich unter unter der Eingangstreppe, über die gerade noch der imaginäre Hausherr gelaufen war. Die Tür unter der Treppe zur Grachtenvilla war der Dienstboteneingang. Den benutze nun ich. Denn hier ist heute der Eingang ins Museum – in eine vergangene Welt. Bereits seit 1896 ist das Haus Museum.

Hier, im Souterrain, befinde ich mich in den Räumen der Dienerschaft. Mit Blick auf den Garten, dort wo am gegenüberliegenden Ende der Kutscher den Wagen und die Pferde unterbrachte, um daneben in einer Remise zu leben, liegt hier die große Küche am Ende des Flurs. Der Raum ist vollständig eingerichtet, wenn auch nicht mehr im Original.

Wer waren die Willet-Holthuysens?

Wer war das Ehepaar Willet-Holthuysen, das ihr Wohnhaus mit einer sehenswerten Kunstsammlung anreicherte, zu den Reichen Amsterdams gehörte und ihr Wohnhaus der Stadt vererbte, um daraus ein Museum zu machen? Hausherr Abraham Willet (1825-1888) stammt aus einer wohlhabenden Arztfamilie. Von den Eltern wurde ihm das Interesse an Kunst und Literatur vermittelt. Mit seinem Erbe widmete der studierte Jurist sich seiner Leidenschaft: der Kunst.

1861 heiratete er Louisa Holthuysen. Deren Eltern waren gegen die Heirat mit dem “Lebemann” gewesen, doch nach deren Tod wurde der Bund geschlossen. Louisas Eltern hatten die prachtvolle Villa gekauft. Ihr Erbauer war übrigens ein ehemaliger Bürgermeister von Amsterdam. Jetzt zog das Ehepaar Willet-Holthuysen dort ein und renovierte es im damals aktuellen französischen Stil.

Dreh- und Angelpunkt des Personals: die Küche
Fotos: Kronenberg

 

Die Küche liegt im Souterrain der Villa

In der Küche

Ein riesiger Ofen dominiert die Küche. An dem langen Tisch (die heutige Einrichtung ist eine nachgestellte Patrizierhausküche im Stil des 18. Jahrhunderts) wird sich das Personal getroffen haben. Henry, der Diener, und Chef der Angestellten, sitzt würdevoll am Tischende. Daneben der Kutscher, dann Neeltje, die Magd, neben dem Zimmermädchen Mina. Über allen steht William Goetz, der Koch des Hauses. Die Willet-Holthuysens schätzen sein Essen so sehr, dass sie ihn, den persönlichen Koch des Ehepaares, sogar mit auf ihre zahlreiche Reisen ins Ausland nehmen.

In diesem Raum, in dem es früher natürlich auch einen Herd gab, spielte sich das Arbeitsleben ab. Essen wurde gekocht – gleich neben der Küche liegt ein Vorratsraum -, Geschirr, Töpfe und Pfannen abgewaschen, Mahlzeiten zubereitet – und auf Aufgaben der Herrschaften gewartet. Dazu diente im Haus übrigens ein intelligentes Klingelsystem, mit dem man aus den Räumen der Villa in der Küche Bescheid gab, wenn eine Aufgabe anstand.

Die Gartenanlage hinter der Villa

Garten im französischen Stil

Aus dem Küchenfenster blicke ich in den Garten. Während sich dort heute das Bild einer 1973 rekonstruierten Anlage bietet, war der Garten aus dem 18. Jahrhundert im französischen Stil angelegt. Das Kutscherhaus und die Stallungen sind heute verschwunden; sie wurden nach einem Brand (1929) nicht wiedererrichtet. Die Anordnung von grünen Pflanzen, niedrigen Buchsbaumhecken und bunt blühenden Blumen, Fußwegen mit eleganten Muster in rot und weiß Kies, bestimmte damals sein Aussehen.

Über eine elegante Treppe geht der Weg nun hinauf in den Bereich der Herrschaften. Von der mächtigen Haustür führt ein breiter Eingangsflur, von dem man die Repräsentationsräume erreicht, durch die Etage. Hier im Vestibül der Beletage wurden die Gäste empfangen. Der elegante Wandschmuck zeigte den Besuchern an, dass er in einem Wohnhaus eines reichen Amsterdamer ist. Zwei Wappen an Holzbänken zeigen kletternde Löwen und das andere drei Holzhäuser samt Pflug. Es sind die Wappen der Familien Willet und der Holthuysens.

Tee im Damensalon

Die Tür zum Damenzimmer öffnet sich. Hier hat Louisa Willet-Holthuysen ihre weiblichen Gäste empfangen. In gelben, silbergrau und lila Farbtönen gehalten, ist das Zimmer durchaus gemütlich. Tier- und Blumenbilder schmückten die Wand. Stilleben auf Bildern, das entsprach der Zeit.

Im Damensalon wurde Tee gereicht. Denn Kaffee war etwas für arme Leute… Besucher empfangen und Besuche machen – das war damals die Grundlage gesellschaftlichen Lebens. Auch für die Dame dieses Hauses. Louisa empfing ihre Gäste stets zwischen halb drei und fünf – ein Besuch dauerte übrigens maximal 20 Minuten. Eine gesellschaftliche Regel der Zeit vermutlich.

Da Louisa ihren Gatten nicht zu den Treffen mit Künstlern, Mäzenen und in Kunstvereine begleiten konnte – das schickte sich damals für eine Dame nicht -, verbrachte sie ihre Tage mit Einkaufen, Spaziergängen mit ihren Hunden (das Ehepaar hatte vier) und eben Teegesellschaften. Louisa hatte übrigens stets eine Hausdame als Begleitung. Die Dame hieß Mathilde Kleinman und wohnte ebenfalls im Haus. Nach ihrer Hochzeit zog sie nach London. Zwei Fotos in einem der Räume erinnern an die Hausdame von Louise.

Die Räume sind eingerichtet – allerdings nicht im Original.
Hier der Ballsaal

Statuen im Herrenzimmer

Abraham hatte sein eigenes Zimmer für Besuch: das Herrenzimmer. Ein Traum in blau. Hierhin lud er Gäste zu Kunstvorträgen ein, begutachtete Gemälde, Statuen und andere wertvolle Kunstgegenstände, die er sammelte. In der Mitte des Raumes glänzt ein großer Tisch. Hier stand Abraham vor seinen Gästen und referierte über Kunst. Im Deckengemälde vertreibt die Morgendämmerung die Nacht mit einer Fackel. “Kunstbetrachtungen” nannte er es wenn er Mappen mit Zeichnungen und Fotografien zeigte.m Abraham, man nannte ihn auch den “Oscar Wilde von Amsterdam”, widmete sein Leben der Kunst. Ausgehen gehörte für ihn zum selbstverständlichen Teil des Tagesablaufes. Theater und Konzerte, Essen gehen und sein Kunstverein – beim Oper- und Theaterbesuchen begleitete ihn Louisa.

Natürlich lud man auch die feine Gesellschaft Amsterdams ins eigene Haus ein. Im festlich dekorierte Esszimmer glänzt mitten auf dem eingedeckten Tisch ein dekoratives Herz aus Porzellan. “Piéce de milieu” heißt das und wurde bei Gesellschaften mit exotischen Früchten und Süßem verziert. Ein zwölfgängiges Abendessen war damals nicht unüblich in feinen Häusern. Ein 275-teiliges Meissener Porzellan-Service gehört folglich zur Ausstattung. 24 Personen konnten hier speisen.

Wenn man zur Decke schaut, stellt man fest, dass die Decke hier niedriger ist als in anderen Räumen. Das liegt an einem Zwischengeschoss, dass man beim Treppensteigen zur nächsten Etage entdeckt. In diesem niedrigen eingebauten Stockwerk war ein Raum, in dem das umfangreiche Geschirr gelagert wurde.

Das kleine Gartenzimmer

 

Neben dem Esszimmer fällt der Blick ins “Kleine Gartenzimmer”. In diesem Anbau mit Blick in den Garten nahm Louisa nachmittags ihren Tee. Wenn kein Besucher erwartet wurde. Vor dem Weg in die ehemaligen Privatgemächer des Paares – ganz oben wohnten die Angestellten – stehe ich im hellen “Ballsaal”. Hier wurden Gäste empfangen, Hauskonzerte veranstaltet, hier lasen Schriftsteller aus ihren Werken, tanzte die Gesellschaft bei Kostümbällen. Dekoriert ist der Raum mit Möbeln im Stil Ludwig XVI. Vergoldete Fußleisten und Gobelins schmücken den kleinen Saals. Es ist der prunkvollste Raum in einem Privathaus in Amsterdam.

Die Statuen im Treppenhaus zeigen Szenen
aus der griechischen Mythologie

 

Ich steige den Stufen des zentral gelegenen Treppenhauses hinauf. Heller Marmor und Stuck dominieren. Licht fällt durch eine Kuppel herab. Oben angekommen, vorbei an Statuen aus der griechischen Mythologie – Paris, Venus Juno und Minerva -, betrete ich das Schlafgemach des Paares. Zu dessen Lebzeiten war hier Abrahams Arbeitszimmer und seine Bibliothek. Doch nun ist hier das im Stil Ludwig des XVI. eingerichtete Schlafzimmer mit zwei Einzelbetten unter einem Baldachin. Ein wirklicher Blickfang. Gebadet wurde in einem Sitzbad im Raum. Fließendes Wasser gab es damals hier noch nicht. Die Angestellten schleppten es aus der Küche in Eimern hier hoch.

Am Ende des Flurs liegt der “Sammlungsraum”, genau über der Gartenzimmer. Hier stellte Abraham Münzen und Figuren zur Schau. Durch die Original Bleiglasfenster fällt mein Blick wiederum in den Garten.

Wo früher das Schlafzimmer war, zeigt heute eine Ausstellung Teile der Kunstsammlung. Das, was in früheren Jahren von Custoren nicht verkauft wurde, ist heute dort ausgestellt. Daneben gibt es Fotos von den Reisen des Paares. Reisen, die sie durch ganz Europa führten.

Ein Flur in der oberen Etage

 Abraham mit Bart und die herbe Schönheit Louisa

Einige Fotos zeigen die Willet-Holthuysens. Abraham mit Bart, daneben die herbe Schönheit Louisa. Mit Hilfe eines Audioführers erfahre ich viel über das Leben der kunstsinnigen Reichen, deren Ehe kinderlos blieb. Da es keine Erben gab, vermachte Louisa das Haus der Stadt unter der Auflage, das Gebäude zum Museum zu machen.

Bleiglasfenster im “Sammlungsraum”.

Durch den Dienstboteneingang verlasse ich die Villa. Abraham und Louisa stehen am Fenster des Ballraumes und winken zurückhaltend. Ich nicke ihnen zu. Mein Dank, dass sie mich ihr Heim besichtigen ließen.

Infos:
Museum Willet-Holthuysen
Herengracht 605
Webseite: http://www.willetholthuysen.nl/
Geöffnet:
montags -freitags 10-17 Uhr

Am Wochenende 11-17 Uhr

Eintritt:
Erwachsene: € 8,50
Kinder (5-18) € 4,25

Audioführer: 2.-

Vielen Dank an Iamsterdam für die Unterstützung


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