Elsass | Neuf-Brisach ist ein Meisterwerk

2000 Einwohner leben hinter den vollständig erhaltenen Mauern der ehemaligen Festungsstadt Neuf-Brisach im Elsass. Die Zitadelle ist das Meisterwerk Vaubans

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Neuf-Brisach im Elsass ist eine Festungsstadt. Militärbauten muss man nicht mögen. Sie sind kalt, funktional, schlicht. Ob sie sinnvoll sind oder nicht, das muss jeder für sich entscheiden. Ob sie in ihrer Art schön sind, auch. Doch sehenswert sind sie allemal. Zumal, wenn es sich nicht nur um ein einzelnes Bauwerk handelt, sondern um eine ganze Stadt.

Neuf-Brisach ist seit 2008 UNESCO-Weltkulturerbe

Neuf-Brisach ist so eine Stadt. Neu-Breisach, wie sie auf deutsch heißt, liegt im Département Haut-Rhin in der Region Elsass in Frankreich. 2000 Einwohner leben heute hinter den vollständig erhaltenen Mauern der ehemaligen Festungsstadt Neuf-Brisach, das seit 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Gebaut wurde die Stadt Anfang des 18. Jahrhunderts von Vauban, dem Meister der Festungsbauer des Barock. Neuf-Brisach ist eine Planstadt in Form eines Achtecks mit einem Exerzierplatz als Mittelpunkt. Auftraggeber der Zitadelle war Frankreichs Sonnenkönig, Ludwig XIV., der etliche Festungen entlang der Grenze anlegen ließ.

Das Model der Stadt Neuf-Brisach im Vauban-Museum zeigt die achteckige Form der Festungsmauer

Die Idealform einer Festungsstadt

Vauban legte ein schachbrettförmig angelegtes Straßennetz an und damit bekam Neuf-Brisach die Idealform einer Festungsstadt. Die Zitadelle gilt heute als Vaubans Meisterstück. In der Stadt gab es neben dem Exerzierplatz, 48 Blöcke in einem gleichmäßigen Achteck, Unterkünfte für die Soldaten und Offiziere, Versorgungseinrichtungen, eine Kirche, Häuser für nicht-militärische Einwohner sowie eine gewaltige Anlage aus Mauern, Gräben und Toren um die Stadt.

Der riesige Marktplatz von Neuf-Brisach, knapp 15 Kilometer von Colmar entfernt, liegt in der Sonne. Von hier gehen die vier Hauptstraßen zu den Stadttoren ab. Heute heißt der Marktplatz Place du Gal de Gaulle. Früher war es der Appellplatz, das Zentrum der Festung. Hier fanden Paraden und militärische Übungen statt.

Über die Rue de Belfort gehen wir Richtung Stadtmauer. Ludwig XIV., der Sonnenkönig, beauftragte 1699 seinen Festungsarchitekten Vauban mit dem Bau einer Gegenfestung zur deutschen Reichsfestung Breisach auf der anderen Rheinseite. Vauban ließ in vier Jahren Bauzeit hier die damals größte Befestigungsanlage im Form einer Reißbrettsiedlung entstehen. Der Sonnenkönig ließ Neuf-Brisach bauen

Die Festung musste sich übrigens nur einmal (erfolgreich) gegen einen Angriff (es waren Österreicher) verteidigen. Beim zweiten Angriff kapitulierten die Franzosen nach 9-tägiger Belagerung und heftigem Artilleriebeschuss der Stadt im deutsch-französischen Krieg von 1870. Danach wurde die ziemlich zerstörte Stadt zwar wieder aufgebaut, eine militärische Bedeutung erlangte sie allerdings nie mehr.

Vier Stadttore hat Neuf-Brisach (die Porte de Belfort führt allerdings nur in den Festungsgraben). In der Porte de Belfort hat man das Vauban-Museum errichtet. Es befindet sich in den früheren Wachräumen des Tores. In den beiden Räumen gibt es ein Model der Stadt und Skizzen wie Zeichnungen der Zitadelle von Vauban sowie Fotos aus dem 2. Weltkrieg zu sehen.

Durch einen Tunnel gelangt man in den Zwischengraben. Denn die Anlage besteht aus zwei Wällen. Der erste ist der Kampfwall, bestehend aus dem sanft ansteigenden Vorgelände mit dem Weg für die Infanterie und verschiedenen Vorwerken mit Artillerie. Dahinter liegt der Sicherheitswall. Er besteht aus aus acht Türmen und den Zwischenwällen.

Als Achteck angelegte Stadt

Vaubans Idee: Erst wenn der Kampfwall überwunden ist, erreicht der Feind den Sicherheitswall, der von außerhalb des Kampfwalls nicht zerstört werden kann, steht also vor einer unbeschädigten Verteidigungsanlage. Jeder Turm hatte vier Geschütze auf einer Terrasse und vier Geschütze in den Kasematten. Ein Turm verteidigt die beiden benachbarten Türme und wird selbst von diesen verteidigt. Im Zwischenwall gibt es weitere Geschütze zur Verteidigung.

Neuf-Brisach wurde als Achteck angelegt. An jeder Spitze steht ein Turm. 20 Durchgänge durch den Wall und vier große Tore ermöglichten schnelle Truppenbewegungen.

Der Appellplatz ist heute Marktplatz. Hier steht die Kirche der Stadt

Vor dem Pulvermagazin

Wir verlassen die Porte de Belfort und gehen durch die Straßen an sich ähnlich aussehenden Häusern vorbei. Die Häuserblöcke in der Stadt sind einheitlich 50 x 50 Meter groß. Alles in dieser Kleinstadt ist dem militärischen Zweck untergeordnet. Nicht weit vom Belfort-Tor entfernt finden wir einen länglichen Erdhügel mit schwerem Eisentor. Dahinter verbirgt sich eines von zwei ehemaligen Pulvermagazinen der Stadt. Nachdem es 1870 beschädigt worden war, wurde das Magazin durch eine Beton- und Erddecke gepanzert. Inzwischen wachsen Bäume auf dem Hügel. Irgendwie scheint er nicht in diese militärische Anlage zu passen. Durch die Porte de Straßbourg tasten sich vorsichtig Autofahrer in ihren Pkw durch die enge Zufahrt in die Stadt. Früher war im Torbau ein Kasino untergebracht.

Eine der leerstehenden Kasernen von Neuf-Brisach

An der Kaserne

Wenige Meter entfernt stehen die heute leerstehenden Gebäude der Suzonni-Kaserne, eine von vier Kasernen der Stadt. Sie alle standen entlang des Walls und waren für ihre Zeit eine recht neue Sache. Denn bislang hatte man die Soldaten in Privatquartieren in einer Stadt untergebracht. Hier nun wurden sie in dafür extra gebauten Häusern untergebracht.

Alle diese Kasernen sind nach dem gleichen Model gebaut. Dreistöckiges Treppenhaus, in jeden Flur münden vier Zimmer für je 12 Soldaten, das heißt 144 Soldaten pro Zelle. Jedes Zimmer hat einen Kamin für die Heizung und die Zubereitung des Essens. Im Erdgeschoss waren die Ställe untergebracht. Die Kaserne war übrigens von 1888 bis 1918 eine deutsche Unteroffiziersschule. 600 Soldaten waren hier untergebracht. Über die Porte de Colmar verlassen wir Neuf-Brisach. Eine fröhliche, lebendige Stadt ist das nicht. Eher eine Schlafstadt. Geschäfte gibt es nur wenige, Fabriken überhaupt nicht. 15 Kilometer entfernt liegt Colmar.

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