Brauchen wir auch kinderfreie Hotels? | Bayerischer Wald

Ein Besuch im Dolce Vita in Bodenmais

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Nachdenken über Sinn und Unsinn von kinderfreien Hotels
Natürlich mögen wir alle Kinder. Ja, wir wissen auch, dass sie mal toben müssen. Laut sein, so heißt es ja, gehört zur positiven Entwicklung der Persönlichkeit. Uns stören die Kleinen in der Regeln nicht. Aber verstehen Sie auch Leute, die Kindergeschrei im Urlaub nicht mögen sowie Eltern (und Großeltern), die mal eine Auszeit vom eigenen Nachwuchs brauchen? Ja, sagen zwei Hotelchefs im Bayerischen Wald und betreiben ein „No Kids-Hotel“ im Ferienort Bodenmais.

 Für jeden soll was dabei sein

Nichtraucherhotels gibt es viele. Raucher sind da drinnen unerwünscht; die Nichtraucher mögen den Qualm nicht riechen. Hotels, in denen man Haustiere nicht duldet, gibt es auch viele. Nicht jeder mag, wenn es nachts kläfft und unterm Frühstückstisch schnurrt. Man hat sich dran gewöhnt, dass es in Hotels – besonders Ferienunterkünften – Sparten gibt. Für jeden soll was dabei sein.
Für die meisten Hoteliers und Reiseveranstalter ist es wichtig das Prädikat „kinderfreundlich“ zu zeigen. Bunte Prospekte zeigen uns die Ferienwelt mit lachenden und sich vergnügt im Pool tummelnden Papas und Mamas samt Kindern – vom Baby- bis Pubertätsalter. Hübsch, munter, fröhlich – eben kinderfreundlich.
Aber: Familienferien im Hotel sind manchmal auch laut, kreischend, wild, ungestüm – nervend für viele ohne Kinder. Aber das traut sich niemand zu sagen. Da sind wir unehrlich. Denn wir müssen Bereiche zum Schutz der Kinder schaffen, weil eben Kinder nicht selbstverständlich sind. Und aus dieser Wirrung her erlaubt man längst den Kleinen vieles – auch wenn es nervt. Denn am Ende tun wir nur so, als ob alles, was die lieben Kleinen da tun, uns nicht stört und wir nichts dagegen haben. Und hilflose überforderte Eltern, die „Der Kleine darf das…“ zur Erziehungsmaxime erheben, tun ihr übriges dazu.
Natürlich sind wir alle kinderlieb
Denn natürlich sind wir alle kinderlieb. Auch wenn es immer weniger Nachwuchs gibt, muss „Kinderfreundlich“ die Schutzzone sein, damit wir nicht angeklagt werden und reinen Gewissens urlauben können.
Wer traut sich im Hotel zum Tischnachbarn zu sagen: „Können Sie die Kleinen nicht mal zur Ruhe bringen?“ Wer es tut, bekommt strafende Blicke und Worte und den Vorwurf die persönliche Entfaltung der Kleinen jetzt aber entscheidend zu hemmen. „Kinder sind nun mal so…“
Aber ein Hotel ohne Kinder – geht das? Ein Hotel, in dem Kinder unter 16 unerwünscht sind? Im Ausland sind solche Hotels bereits normal. Ausgerechnet die unbestritten kinderfreundliche Disney World in Florida hat ein Restaurant, in dem nur Erwachsene zugelassen sind (man hat dort aber über 100 Lokale in denen Kleine gern gesehen sind). Auch auf den Kreuzfahrtschiffen von Disney gibt es Bereiche (z.B. Pools) wo nur Erwachsene sonnen und schwimmen dürfen.
Astrid Stiefel und Andreas Diefenbach vom Dolce Vita

 

In einigen anderen Hotels – seien wir ehrlich – regelt man das Kinderfrei über den Preis. Keine Kinderermäßigung und Luxuspreis fürs Zimmer. Da bleiben die Familien freiwillig draußen…
Ein österreichischer Gastronom versuchte es als erster im deutschsprachigen Raum. „No Kids“ – die Folge waren Beschimpfungen, Schmähungen etc.

 Logo „18plus“ und „Adults only“

Im Bayerischen Wald, in der (Familien-) Ferienregion Bodenmais versuchen es Andreas Diefenbach und Astrid Stiefel, die ich jetzt kennen lernte. Sie sind die Betreiber des 26-Zimmer-Hotels „Dolce Vita“, dass sie seit 2007 führen. 4 Sterne, Wellnessanlage mit Schwimmingpool, eine sehr gute Küche etc. zeigen wie das Schild am Eingang: hier ist den Kriterien nach ein „First-Class-Hotel“. “ Bei Reiseveranstaltern werden sie mit dem Logo „18plus“ und „Adults only“ geführt. Aber erst seit kurzem. Und sie sind nur eines von zwei Hotels in Deutschland die „kinderfrei“ sind.
„Als wir mit dem Konzept „kinderfreies Hotel“ kamen, schlug uns nur Widerstand entgegen“, erzählen sie. Reiseveranstalter weigerten sich sie in ihr Angebot aufzunehmen, kritische Berichte erschienen und TV-Teams versuchten das Ehepaar mit versteckter Kamera aufs Eis zu führen.
Inzwischen allerdings taucht ihr Hotel auch bei den Reisekatalogen auf. Der Erfolg spricht für sich. Und der ist bei einem Hotel die hohe Auslastung. Denn das Konzept von „Dolce Vita“ zieht. „Es gibt mehr Urlauber, die ein kinderfreies Hotel buchen möchten, als man glauben mag“, sagen beide.

Eltern, Großeltern – und natürlich junge Paare

Dabei sind es kaum kinderunfreundliche Gäste, die „Dolce Vita“ buchen, sondern vermehrt Eltern, Großeltern – und natürlich junge Paare, die Zweisamkeit bevorzugen. „Viele Eltern kommen hierher, um mal einen Kurzurlaub ohne Kinder zu genießen. Sie nutzen unser Wellnessangebot, wie Massagen und Sauna, schätzen Candlelight-Dinner und möchten nette Gespräche mit anderen Erwachsenen. Und das ohne Babyphone auf dem Restauranttisch, ohne Angst, dass der Kleine in den Pool fällt.“ Und das oft für die kurze Auszeit am Wochenende. Mal ausschlafen können – darum gibt es im Hotel Frühstück auch erst ab 8 Uhr.
Und natürlich kommen Gäste, die längst erwachsene Kinder haben. „So viele Jahre haben wir unseren Urlaub in Familienhotels verbracht. Da ging es sehr munter zu. Jetzt sind wir froh, dass wir in einem ruhigen Hotel ohne Kinder sein können“, sagt ein Paar beim Abendessen. Dort, im Restaurant, werden die Paare – die sich nicht kennen – an Vierertischen zusammen gesetzt. Eben damit man sich kennenlernt. Muntere Gespräche unter Erwachsenen sind die Folge. Und das haben die beiden Hotelchefs beabsichtigt.
Dem Vorwurf der „Kinderfeindlichkeit“ treten sie übrigens mit einem einfachen Argument entgegen: Sie sind selbst Eltern von vier Kindern.
DER BEITRAG ENTSTAND IM SOMMER 2012
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  1. Danke für euren Erlebnisbericht aus dem Dolce Vita in Bodenmais. Erstaunlich, dass es erst zwei kinderfrei Hotels in Deutschland gibt. Nachdem ich ausgezogen bin schwören meine Eltern auf diese Art der Hotels.

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