Wohnen im Loiretal – Leben im Garten Gottes

Rainer Kalb (rechts) und Ulrich Kronenberg

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Aufgewachsen ist er in Hückelhoven-Doveren: Rainer Kalb, renommierter Fußball-Journalist, der für den Sport-Informations-Dienst (SID), die französische Sportzeitung L`Equipe und andere bekannte Medien über Fußball-EM, -WM und die anderen Spiele der deutschen Nationalmannschaft berichtet. Seit fünf Jahren lebt der ehemalige KICKER-Redakteur jetzt in Frankreich. Ich habe ihn an seinem Wohnort an der Loire besucht.

Sanft, grazil und dennoch unbezähmbar nimmt die Loire ihren Weg. Entsprungen im Zentralmassiv fließt Frankreichs längster Fluss nordwärts, ändert bei Orléans die Richtung und zieht nach Westen weiter durch Tours, umspült helle Sandbänke und kleine Inseln, fließt vorbei an Saumur und Angers, bevor sie bei Saint-Nazaire in den Atlantischen Ozean mündet.

Leben zwischen Orleans und Angers an der Loire

Hierhin, ins Tal der mächtigen Loire zwischen Orleans und Angers, dem „Garten Frankreichs“, zog es im Mittelalter die französischen Könige und deren Gefolgschaft. Sie errichteten hier Schlösser und Paläste. Und hierhin zog es auch Rainer Kalb, aus Hückelhoven-Doveren stammender bekannter Journalist und Fußballexperte.

Zwischen Saumur und Angers liegt, unweit des Loireufers, der Ort St. Remy la Varenne. Ruhig ist es hier, nicht einsam, aber dennoch ist man weitab von Hektik und Lärm. Rainer Kalb und seine Gattin Catherine haben sich an diesem Vormittag unter einem Sonnenschirm auf der Terrasse ihres geräumigen Hauses, einem „Maison traditionelle d’Anjou“, Ende des 19. Jahrhunderts aus dem hier typischen Tuffstein erbaut, einen schattigen Platz gesucht.

Seit 2003 lebt das Ehepaar in St. Remy la Varenne, ist hier heimisch geworden. Im Ort selbst ist Rainer Kalb als „le journalist allemand“ (der deutsche Journalist) überall bekannt. Er, der Fußballfachmann, der um die Welt reist und für Frankreichs populärste Sportzeitung „L`Équipe“ schreibt, ist ein gesuchter Gesprächspartner. Nicht nur, wenn es um Sport geht.

Rainer Kalb und seine Frau Catherine vor ihrem Haus an der Loire

Natürlich ging es um Fußball

Im „La Route du Sel“ in Le Thoureil werden Rainer Kalb und seine Gattin von den Restaurantchefs Jean Claude Pifala und Marie Couteau herzlich begrüßt. Nach dem Essen kommt eine Flasche Wein auf den Tisch. „Jean Claude hat eine Wette gegen mich verloren“, erklärt Rainer Kalb. Natürlich ging es um Fußball. Und Kalb hat recht behalten. Wie so oft. Denn Fußball ist für ihn nicht nur ein Job. Er ist sein Leben. „Fußball ist wie das richtige Leben“, erklärt er seine Philosophie. Und die ist einfach: „Mit Fußball kann man die Welt erklären, das Leben verstehen. Es gibt Gewinner und Verlierer. Es gibt Angreifer und welche, die nur verteidigen. Man hat Regeln. Wer sie nicht einhält, wird zurückgepfiffen. Manchmal begeht einer einen Fehler. Der wird dann bestraft.“

Der Restaurantchef versucht nun über sein Lieblingsthema im Sommer zu diskutieren: die „Tour de France“. Rainer Kalb ist da vorsichtig. „Ich bin Fußball-, kein Radsportexperte“, sagt er, obwohl er auch diesen Sport verfolgt.

Denn nur so bekommt man Hintergrundinformationen

Mit kurzen Zehnzeilern über Lokalfußball, meist über die Kreisliga, hat er seine Journalisten-Karriere bei der Tageszeitung („Es sind meine ehemaligen Kollegen Hans Groob und Folkmar Pietsch, denen ich viel verdanke“, sagt er) in Erkelenz begonnen. „Damals, ich war noch Schüler am Cusanus-Gymnasium, habe ich bereits die Bedeutung der `3. Halbzeit` kennengelernt.“ Nämlich Kontakte aufbauen und pflegen. Denn nur so bekommt man Hintergrundinformationen. Ein Beweis ist sein schwarzes Notizbuch. „Hier stehen die Telefonnummern drin, die wichtig sind“. Es sind die Kontaktnummern eines Franz Beckenbauer, eines Oliver Bierhoff, eines Michael Ballack und vieler anderer.

Eine Weinprobe beim Winzer vor dem Weinkauf gehört zum Leben an der Loire

Der Liter Alltags-Wein darf nicht teurer sein wie der Liter Sprit

Am Nachmittag ist Rainer Kalb auf der Domaine im Ort angemeldet. Man kennt sich. Hier frischt er seinen Weinvorrat auf. Denn der tägliche Tropfen Wein gehört in Frankreich – und insbesondere im Weinanbaugebiet Loire – dazu. Als Einheimischer zapft man seinen Wein im Lager der Domaine aus den großen Tanks selbst. „Der Liter Alltags-Wein darf hier nicht teurer sein wie der Liter Sprit“, heißt es in Frankreich, sagt Kalb.

Um in Frankreich klarzukommen (Kalb: „Man muss sich auf das Land und die Menschen einlassen“), sollte man die Sprache beherrschen. Für Rainer Kalb kein Problem, denn nach dem Abitur 1972 in Erkelenz zog es ihn im Studium auch an die Sorbonne nach Paris. Er studierte unter anderem Romanistik. Zwar wollte er erst Lehrer (unter anderem der Philosophie) werden, doch der Sport fesselte ihn mehr. Nach dem Volontariat in der Düsseldorfer Zentralredaktion der Rheinischen Post wechselte er in die Redaktion nach Mönchengladbach. „Nicht erst seitdem bin ich bis heute ein großer Fan der Borussia“, sagt er.

1980 ging er zum KICKER, wurde in Nürnberg Redakteur der großen deutschen Sportzeitung. Der internationale Fußball wurde sein Arbeitsthema. Seit der EM 1982 ist Rainer Kalb bei jedem großen Turnier vor Ort, begleitet die deutsche Nationalmannschaft bei fast jedem Spiel. Sechs Jahre später macht er sich selbstständig. Er zieht nach München und wird FC Bayern-Insider, schreibt für den Nachrichtendienst SID und fast alle großen Tageszeitungen über den renommierten Club.

Die Landschaft um uns lebt

Wir kosten einen herrlichen Tropfen des Rotweins. Die Landschaft um uns lebt. Sattes Grün und die fröhlich bunten Farben der Blumen bilden kaum Kontrast zum Blau der ruhig dahin fließenden Loire. Die Sonne verwandelt das Tal der Loire tatsächlich in den „Garten Frankreichs“. Rainer Kalb hatte Catherine, die er während des Studiums kennengelernt hatte, vor langer Zeit versprochen: „Noch vor meinem 50. Geburtstag ziehen wir nach Frankreich.“ 2003 machte er das Versprechen wahr. „Ich habe ihr 24 Jahre Mönchengladbach, Nürnberg und München zugemutet“, sagt er. „Jetzt genießen wir Frankreich.“

Auf der Terrasse seines Anwesens blickt er lange Zeit auf die grünen Bäume und blau-gelb blühenden Blumen im Garten. Irgendwo hinter der Grundstücksmauer fließt sanft und grazil die mächtige Loire. „Ich fühle mich hier wohl“, sagt er. Seine Heimat aber hat er nicht vergessen. „Manchmal, wenn ich an Hückelhoven denke, dann bekomme ich Sehnsucht“, sagt er. Die Atmosphäre der Stadt, als die Zeche noch arbeitete, der Karneval, die Menschen. Das fehlt ihm im „Garten Frankreichs“. Manchmal zumindest.

Ulrich C. Kronenberg (2009)
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