Im Holländerviertel von Potsdam | Brandenburg

Die Preußenkönige ließen in Potsdam ein Viertel für Holländer bau en; auch heute noch ein sehenswertes Stadtviertel mit 134 roten Holländerhäusern

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„Holländisches Viertel“ nennt sich in Potsdam ein sehenswertes Stadtviertel mit 134 roten Holländerhäusern. Das Viertel wurde von den Preußenkönigen extra für angesiedelte Niederländer gebaut.

Im ersten Augenblick stören nur die an der Straße geparkten Pkw. Rechts und links der mit Kopfsteinen gepflasterten Mittelstraße lenken sie für einen Augenblick von einer Illusion ab. Denn ständen hier Fahrräder statt Pkw vor der langen Reihe roter Backsteinhäuser, man könnte glauben, das hier sei ein Stadtviertel in den Niederlanden. Ist es aber nicht. Sondern wir befinden uns fast im Stadtzentrum von Potsdam.
„Holländisches Viertel“ nennt sich der Bereich mit 134 roten Holländerhäusern, errichtet in vier Karrees, geteilt durch zwei Straßen. 1732 wurde das Viertel unter dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. gebaut. Es war gedacht als Wohnort für Immigranten aus den Niederlanden. Heute ist eines der Stadtviertel in Potsdam, das mit seinen Cafés, Galerien, Werkstätten, Kneipen, Restaurants und kleinen Läden für Touristen ein Anziehungspunkt ist. Besucher aus den Niederlanden zieht es viele hierher. Wenn sie allerdings ein Stadtviertel erwarten, das aussieht wie in der holländischen Heimat, werden sie enttäuscht sein.

Der Soldatenkönig plante das Holländerviertel in Potsdam

Denn das „Holländerviertel“ zeigt eher ein Wohngebiet, wie der preußische König holländischen Hausbau idealisiert hat. Denn während in Potsdam ein Holländerhaus aussieht wie das nebenan, hat man in den Niederlanden zwar ähnlich gebaut – doch es gab innerhalb eines Straßenzuges auch Variationen. Das aber wollte der preußische Soldatenkönig nicht.

Das preußische Königshaus verband mit den Niederländern so einiges. Der Großvater des Soldatenkönigs, der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm, war mit der Tochter des Statthalters der Vereinigten Niederlande, Luise Henriette von Nassau-Oranien, verheiratet. Der Enkel schätzte wie sein Opa alles „holländische“, besonders den wirtschaftlich fortschrittlichen Staat und die zweckmäßige Architektur in den Niederlanden.

Ausdruck der „Hollandliebe“ des Soldatenkönigs war nicht nur das Stadtschloss, das im Schlossbaustil, wie in Holland üblich, aussah. Auch ein Stadtkanal nach Vorbild der Grachten wurde in Potsdam angelegt.  Und um Handwerker aus den Niederlanden nach Potsdam zu locken, entwarf der König den Plan zum Bau des „holländischen Viertels“.

Friederich der Große baute das Viertel fertig

Über hundert Häuser zur Anwerbung holländischer Facharbeiter, damit diese nach Potsdam kämen und sich hier wohlfühlen könnten, entstanden. Friedrich Wilhelm I. erlebte die Fertigstellung des Viertels übrigens nicht. Sein Sohn Friedrich Wilhelm II., also Friedrich der Große, baute es fertig. Einziger Makel: Nur 13 der Häuser wurden tatsächlich von Holländern bewohnt. Der Rest füllte sich mit Franzosen, Handwerkern und Soldaten.

Vor dem Café Collage genieße ich einen Kaffee. Süße wie herzhafte Crêpes, Kartoffelsuppe und viele Leckereien stehen auf der Speisekarte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite fällt der Blick auf die gleich aussehenden Giebelhäuser. Alle sind zweigeschossig, haben zwei Fensterachsen. Die Fensterrahmen sind weiß gestrichenen, haben quadratisch verglaste Fenster mit breiten Holzzargen. Rechts und links verstärken grüne halbe Fensterläden den Eindruck in Holland zu sein. Traufenhäuser wie sie in Amsterdam stehen gibt es auch einige wenige. Frei stehende Häuser mit hölzernen Portaldekorationen; als Heim gedacht für gehobenes Bürgertum, überlege ich.

Man müsste so ein Haus mal von innen sehen, wünsche ich mir. Das geht. An der Mittelstraße steht das Jan-Bouman-Haus. Vom „Förderverein zur Pflege Niederländischer Kultur in Potsdam“ getragen, bietet das Museum einen Überblick zur Geschichte des Viertels. Das Haus aus roten Rathenower Ziegeln ist nach dem niederländischen Architekten Jan Bouman benannt. Er war die erste „Fachkraft“, die der Soldatenkönig aus Holland holte.

Im Jan-Bouman-Haus

Der Architekt nämlich entwarf das Holländerviertel für seine erwarteten Landsleute. In dem Haus, das nun Museum ist, hat er nie gewohnt. Er lebte, eher standesgemäß, am Hof. Das ab 1996 restaurierte Ensemble mit dem zweigeschossigen Giebelhaus wurde 1735 errichtet. Es besteht aus Vorderhaus, Hof, einem Hofgebäude aus Fachwerk und einem kleinen Hausgarten. Es ist karg eingerichtet, doch kann man alle Räume und den Hof betreten.

Tafeln zur Geschichte des Viertels, auch die Namenslisten der ersten niederländischen Bewohner, dazu Gebrauchsgegenstände wie historische Dachziegel, Öfen, Kacheln, Türbeschläge, Truhen, Fotos und ein Video zur Restaurierung des Hauses geben einen interessanten Einblick. Zwei Familien haben im Vorderhaus gewohnt. Unten wie oben liegen je ein großer Raum – wohl das Wohnzimmer – nach vorne zur Straße. Ein kleinerer Raum und die Küche blicken zum Hof hin.

Von der Haustür führt ein Flur gerade durch zum Hof. Unten verdeckt eine Klapptreppe ins ein Zimmer die Treppe, die in den kleinen Keller, der Opkammer, führt. Während am Vorderbau neben den Ziegeln auch die Fensterzargen noch aus der Erbauungszeit stammen, hat man das Hofgebäude vollständig wiederaufgebaut. Vom originalen Hofbau waren nur wenige Teile erhalten.

An den Restaurierungskosten für die Häuser des Viertels, getragen vom Land, Stadt und einer Stiftung, hat sich das niederländische Königshaus beteiligt. Kein Wunder, denn das Viertel gilt als größtes zusammenstehendes Bauensemble und Kulturdenkmal holländischen Stils außerhalb der Niederlande in Europa.

Die Benkertstraße kreuzt die Mittelstraße und teilt das Holländerviertel. Die Blätter der Bäume spenden Schatten. Fast alle Plätze an den Tischen der Cafés und Restaurants sind besetzt. Der Ort hat Atmosphäre. Zeit noch einen „Koffie met Melk“ zu trinken.

Infos:
Das Holländische Viertel liegt nordöstlich der Fußgängerzone von Potsdam und ist über die Friedrich-Ebert-Straße und den Bassinplatz zu erreichen. Mit der Tram 92 bis zum Nauener Tor fahren. Wenige Meter südlich beginnt die Mittelstraße.

Webseite des Holländischen Viertels: http://www.hollaendisches-viertel.net/
Webseite des Museums: http://www.jan-bouman-haus.de/

Jan-Boumann-Haus
Mittelstraße 8

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